Nebelburg

Ü b e r l e b e n s w e l t e n . . .






Ich kämpfte dagegen.
Ich glaube, ich habe gewonnen. Durch K.O. in der dritten Runde.
Das schleicht einen an. Man bemerkt es nicht einmal, aber es ist da, und eines Tages dreht man sich einfach um, betrachtet sich, und es starrt einem ins Gesicht. Selbst dann ist man nicht sicher, wie man es eigentlich entdeckt, oder was es eigentlich ist. Es ist einfach da, und eines Tages weiß man es.
Ich zerbrach mir den Kopf.
Es ist nicht so, daß man eines Morgens aufsteht und so für sich denkt: "Hallo, ich scheine von der Welt mehr als üblich getrennt zu sein, und meine Beziehungen scheinen mehr als üblich gespannt zu sein, ergo muß ich an irgendeiner Art Kommunikationszusammenbruch leiden." Es wäre einfach, wenn man davon ausgehen dürfte, weil man sich dann leichter an die Situation herantasten könnte.
Was du zuerst bemerkst, ist wohl die Angst. Ein beachtliches Quantum Angst liegt natürlich immer in der Luft, aber das ist keine besondere Sorte Angst, und sie ist auch nicht übermäßig stark. Sie ist nur unvernünftig. Du hast Angst, und es gibt überhaupt nichts, wovor du Angst haben müßtest. Du fragst dich, wovor du Angst hast. Du siehst Dinge, vor denen du vielleicht Angst haben könntest, sehr genau an. Du fängst an, nach Dingen zu suchen, vor denen du Angst haben könntest, damit du dich vor dir selbst rechtfertigen kannst.
Et cetera.
Damit meine ich: Das geht so weiter. Es ist ein Prozeß. Ein Syndrom. Selbstspeisend. Wenn du erst einmal drinsteckst, bist du da.
Et cetera.
Du fängst damit an, dich um dich selbst zu drehen. Das macht nervös. Du beobachtest andere Leute mit einem leicht argwöhnischen Blick. Du machst dir nicht so sehr Sorgen um sie, als um deine Einstellung zu ihnen. Die Beziehungen geraten durcheinander. Du kannst die Dinge nicht so sehen, wie sie sind. Andere Leute werden verzerrt. Du fängst an, in einem anderen Licht zu betrachten, was sie tun und sagen. Du weißt nicht, was, verdammt noch mal, los ist. Du bist verwirrt. Du nimmst diese oder jene Person ganz grundlos auseinander; harmlose Gespräche neigen dazu, verbal gewalttätig zu werden. Du verletzt die Leute mit dem, was du sagst.
Damit geht es abwärts, und du erkennst nun wirklich eine Situation, in der du dich befindest, von der du aber nichts weißt. Du hältst plötzlich ein und sagst: "Herrgott noch mal, was ist denn? Was mache ich, und warum mache ich es? Woher kommt das?"
Und dann fängst du an, vorsichtig zu sein. Du wagst nicht, mit anderen Leuten scharf zu reden. Du wagst nicht, zornig zu werden. (Du hast Glück, wenn sie noch mit dir reden, und du sorgst dafür, dass sie keinen Anlaß mehr finden, aufzuhören.) Und ab und zu, ganz selten, sagst du etwas, was du nicht sagen wolltest, was unvermeidlich ist, gleichgültig, wie vorsichtig du bist, nur wirst du, so, wie die Dinge stehen, dir Gedanken über die Selbstbeherrschung machen, und ob sie nachläßt.
Et cetera.
Auch das setzt sich fort.
Du fängst an zu brüten. Du machst dir Sorgen um dich. Du stellst fest, daß du nicht glücklich wirst, wenn du trinkst, sondern nur tiefer und tiefer in schwarze Dunkelheit versinkst. Dich zu betrinken, führt nicht mehr zur Trunkenheit. Es führt dich dorthin, wo niemand sein will. Du gibst das Trinken auf. Wenn du klug bist.
Nichts läuft richtig. Die Welt hat sich gegen dich verschworen. Du siehst dich nach zweierlei um:
1. Du brauchst einen Sündenbock.
2. Du mußt etwas dagegen tun.
Wenn du auch nur einen Funken Verstand hast, suchst du die Schuld bei dir selbst. Wenn du anfängst, die Roten zu beschuldigen oder den radioaktiven Niederschlag oder die Nachbarin oder den Teufel, dann verschaffst du dir Anspruch auf eine Freikarte in die Klapsmühle. Du hast verloren. Runde eins, und du bist am Boden. Angenommen, du hast den Verstand, dein eigener Sündenbock zu sein, dann bist du in der konstruktiven Gemütsverfassung, Punkt zwei in Angriff zu nehmen. Du mußt das kleine zusätzliche Bißchen irgendwo finden, das dir hilft, dich nicht zu weit in der Schuld-Masche zu verirren. Das Selbstmitleid kannst du nicht vermeiden. Die Depressionen kannst du auch nicht vermeiden. Sie gehören beide dazu. Aber zwischen einer Party und einer Orgie liegen anderthalb Schritte, und es sind anderthalb Schritte, die nicht zu gehen du dir alle Mühe gibst. Wenn du stillstehen und die Verzweiflungsanfälle und die Weinkrämpfe überstehen kannst, ohne darin zusammenzusinken, bist du auf halbem Weg zurück ins Land der Lebenden. Nicht zu einer Heilung, und das möchte ich betonen. Nicht auf dem Weg, es loszuwerden, aber dahin, dich so weit zu bringen, daß du damit leben kannst. Das ist dein Ziel - friedliche Koexistenz, nicht Krieg. Wenn du dich für Krieg entscheidest, verlierst du. Selbst wenn du gewinnst. Das ist wie Poker ohne Gegner.
Du hast dir also die Chancen geschaffen (wollen wir unterstellen).
Du mußt sie immer noch ergreifen.
(Selbstverständlich ist das alles schwer. Nichts ist dabei leicht. Gar nichts.)
Abwarten ist großartig. Wenn du im Zweifel bist, zögere. Laß dich nicht beirren. Wenn du einmal drin bist, ist es leichter, unterzugehen, als hochzusteigen. Bleiben, wo du bist, ist positiv. Das hilft dir. Deine erste Priorität ist, dich nicht beirren zu lassen. Danach fängst du an, nach einer Methode zu suchen, um dich herauszuziehen.
Da fangen die fixen Ideen an, an dir zu nagen. Für jedes ehrliche Aspirin gibt es ein Dutzend Zuckerpillen, und sie schmecken besser. Du hast keinerlei Schwierigkeiten, Lösungen zu finden, dich von Lösungen erregen zu lassen, dich in Lösungen zu verlieben. Du liegst nachts im Bett. (Du kannst nicht schlafen - und wenn du es noch so viele Stunden versuchst. Das gehört zur positiven Rückkopplung der Situation - ein Mensch ohne Schlaf ist kein vernünftiger Mensch.) Du kommst auf etwas, das gut aussieht - oberflächlich. Eine simple Tat. Ein Entschluß. Wenn du nur dieses eine tun kannst, wird alles gut sein. Zu Beginn sind die Taten ganz einfach - sie zu tun, wird kein Problem sein. Ein Problem ist die Art, wie sie durch dein Gehirn gehen und wieder gehen und wieder und wieder und wieder ...
Et cetera.
Das Schlimmste und so weiter von allem. Wieder und wieder und wieder ...
Und du kannst diese eine verdammte Idee nicht loswerden. Das ist wie eine Schallplatte, bei der die Nadel hängen bleibt. Ein Endlosband, das ewig spielt. Ein tropfender Wasserhahn, den du nicht abdrehen kannst, gleichgültig, wie fest du drehst. (Was dich verrückt machen kann, macht dich verrückt.) Du kannst wissen, daß die verdammte Idee eigentlich gar nicht so gut ist. Du kannst hundertprozentig sicher sein, daß sie dich nicht heilen wird. Du kannst sehr wohl wissen, daß du nicht logisch - oder geistig gesund - bist.
Aber es hört nicht auf.
Der Gedanke hämmert einfach weiter. Du wiederholst ihn und kannst einfach nicht mehr aufhören. Er hält dich wach. Du kannst hundemüde, erschöpft sein, und er macht weiter. Du kannst im Rausch sein, durch die Beharrlichkeit dieser Idee, dieser einen Idee, zu geistiger Unterwerfung betäubt, und sie macht weiter.
Du bist besessen von dieser Idee.
Schließlich mußt du einschlafen, aus physiologischer Notwendigkeit. Psychologisch gibt es keinen Augenblick Ruhe. Wenn du träumst, träumst du diesen Endlos-Gedanken. Nichts anderes. Dein Gehirn ist festgefahren. Es besteht eine schreckliche und fortwährende Versuchung, diesen Gedanken auf die eine oder andere Weise loszuwerden. Wenn du ihn nicht von dir trennen kannst, kannst du versuchen, dich von ihm zu trennen. Tu so, als gehöre er einem anderen. Mach ihn zu dem eines anderen. Tu es nicht. Das ist die Niederlage. Behalte den Gedanken. Halt ihn fest, gleichgültig, wie sehr du ihn haßt.
Und du wachst auf, glaubst, daß überhaupt keine Zeit vergangen ist, und er ist immer noch da.
Das macht dich fertig. Da weißt du endlich, daß du wahnsinnig bist.
Wieder ein Augenblick, in dem du Ruhe bewahren mußt. In dem du dich nicht beirren lassen darfst.
Du stehst auf und tust etwas. Ganz normale Dinge. Die große Versuchung ist natürlich die, das zu tun, woran du denkst. Und du wirst es tun. Nicht einmal, sondern ein Dutzend Mal. Du wirst diese Ideen jagen. Sie hetzen dich, bis du nicht mehr kannst. Es hat keinen Zweck, zu sagen, daß du keinen Millimeter zurückweichen wirst. Du wirst. Du wirst einen Kilometer zurückweichen. Aber jeder Gedanke, den du tötest, bekommt Ersatz, und das lernst du. Du lernst, dich davor zu fürchten, und das ist der Punkt, wo du nicht nachlassen darfst. Du darfst nicht anfangen, dich für die wenigen Minuten gesegneten Friedens zwischen den fixen Ideen zu verkaufen. Du darfst diese Augenblicke des Friedens nie so hoch schätzen, daß du ein Automat wirst - fixe Idee, Nachgeben, fixe Idee, Nachgeben, Rettung, Aktion, Reiz, Reaktion. Das ist die Niederlage. Das heißt, innerlich sterben.
Du tust ganz gewöhnliche Dinge. Du kämpfst gegen die Besessenheit, um sie zu zwingen, daß sie dir auch gegen ihren Willen ein paar Augenblicke Frieden gönnt. Du arbeitest. Du gehst einkaufen. Du fährst mit dem Autobus und gehst durch Straßen. Du liest ein Buch, wenn sie dich läßt, oder fügst Puzzles zusammen oder bastelst Flugzeugmodelle oder malst Bilder. Du redest mit jemandem, wenn du kannst.
Das letztere ist das beste. Es ist außerdem verdammt schwer. Du glaubst nur, daß es leicht ist, wenn es sich von selbst versteht. Es kommt die Zeit, wo du es brauchst, und du kannst dir die Fingernägel bis zu den Knöcheln abbeißen, weil du dir wünscht, daß jemand mit dir redet, weil du dir wünscht, daß da jemand wäre, zu dem du gehen kannst, um mit ihm zu reden. Zum ersten Mal in deinem Leben entdeckst du, daß die Menschen nicht wissen, wie man sich unterhält. Zum ersten Mal in deinem Leben kommst du dahinter, daß du nicht weißt, wie man miteinander redet. Denn du kannst dich nicht einfach hinsetzen und es tun. Du mußt dich an die Rituale und Formeln halten. Du kannst nicht einfach an irgendeine Tür klopfen und sagen: “Hallo, ich bin verrückt.“ Du mußt dich an die Spielregeln halten. Du mußt es nach dem Turnus der erlaubten Arten, zu fühlen, und erlaubten Arten, jemandem zu sagen, wie du dich fühlst, und erlaubten Arten, dir antworten zu lassen, und erlaubten Arten, sie so tun zu lassen, als begriffen sie, machen. Und zum ersten Mal in deinem Leben kommst du dahinter, daß in Gesprächen gar nichts enthalten ist als diese Rituale und erlaubten Ausdrucksweisen und Kodes, und plötzlich wird die Sprache, die du dein ganzes Leben gebraucht hast, etwas Nutzloses, Totes, was die Verständigung betrifft, und nichts enthält Sinn, und du kannst nicht sagen, was du zu sagen hast, und wenn du es versuchst, können sie dich nicht verstehen, und sie liefern immer wieder nur diese albernen Rituale, diese Klischees, und die vielen Einrichtungen des Gesprächs, die sie vor der Verständigung schützen, vor dem Denken, vor dem Fühlen, sogar davor, in der Welt irgendeines anderen mehr zu sein als ein aus Pappkarton ausgeschnittenes Ding.
Und das ist schlimm.
Du mußt stillhalten. Wenn du schreist, verlierst du. Sie liefern dich ein.
Schließlich stirbt die Besessenheit, wenn du alles gut machst und wenn du Glück hast, ohne daß du nachgeben mußt. Es ist ein stolzes Gefühl, deine erste Besessenheit überstanden zu haben - aber Vorsicht bei diesem Selbstgefühl - denn schon kommt die nächste. Es ist, entgegen dem allgemeinen Glauben, möglich, zu gewinnen, indem man seine Besessenheit überdauert. Aber einmal zu gewinnen, oder drei-, oder viermal, genügt nicht. Du mußt immer weiter gewinnen, und, wie jedermann weiß, kann man nicht alles gewinnen. Manchmal verliert man. Du mußt also nicht nur gewinnen und weiter gewinnen, du mußt auch die Niederlagen dazwischen verarbeiten.
Einfach ist es nie.
Und wobei du auch noch vorsichtig sein mußt, wenn du diesen Besessenheiten nachgibst, ist der alte Spruch, lieber der Teufel, den du kennst, als der, den du nicht kennst. Die bloße Tatsache, nicht zu wissen, wie übel, wie albern, wie unnütz, wie absolut wahnsinnig der nächste Kurzschlußgedanke sein wird, ist eine zusätzliche Belastung für dich. Das Schicksal kann dir keinen gemeineren Streich spielen als die fixe Idee, das zu tun, was du einfach nicht tun kannst. Das ist das Gemeinste - die, die du überstehen mußt, weil du einfach keine Wahl hast. Da steckst du in einer dreifachen Klemme. Tust du es nicht, leidest du in jeder Beziehung, die ganze Zeit. Tust du es oder versuchst du es, dann liefern sie dich ein, sperren dich ein, bringen dich um, oder es bringt dich um. Komisch, wie? Oder du bringst dich selbst um, versteht sich. Aber tu das nicht. Du verlierst.
Was tust du dann?
Wie stellst du es an, wieder aufzutauchen?
Ja, ich meine, wieder, denn jetzt bist du, ob du es glaubst oder nicht, voll und ganz und total da.
Nun, noch einmal, ob du es glaubst oder nicht, beim erstenmal kann dich fast alles wieder auftauchen lassen.
Beim erstenmal. Schon zu erkennen, wie schlecht du dran bist, es zu begreifen, zuzugeben und zu analysieren (die letzten beiden sind schwierig und beinahe Wunder, in dieser Reihenfolge), kann genügen. Sollte genügen. Schon zu wissen, daß etwas nicht in Ordnung ist, und eine Vorstellung von der Struktur dieser Unordnung zu haben, von der Logik der Unordnung, kann es erleichtern, aufzutauchen. Ein Punkt für die Psychiatrie, Selbstbehandlung oder gegen Bezahlung. Aber ein Punkt, und nur einer. Das eine, was du nicht glauben darfst, ist, daß du gewonnen hast. Du mußt weiter gewinnen. Nicht einmal, zweimal oder dreimal, sondern immer.
Du mußt gewarnt sein.
Du mußt dich vom erstenmal - bis zu einem gewissen Grad - gegen das zweitemal wappnen lassen.
Tage können vergehen. Gute Tage, glückliche sogar, erfüllt von gesegneter Erleichterung. Vergeude diese Tage nicht! Sobald du von dem Syndrom ergriffen bist, fällt die Qualität des Handelns im menschlichen Bereich der Existenz um etwa achtzig Prozent. Deine Arbeit leidet darunter. Deine Freizeit. Du leidest. Wenn du also diese Tage hast, an denen du etwas tun kannst, tu es. Richte dir ein Loch ein, zu dem du laufen kannst, wenn die nächste Krise kommt. Du sagst es jemandem. Du bittest um Hilfe. Du sorgst dafür, daß beim nächstenmal, wenn die fixen Ideen dich im Griff haben, jemand da ist, der Tee und Sympathie zu bieten hat. Vor allem Sympathie. Bezahlte Seelenpfuscher sind eine Antwort; es ist besser, wenn du eine Antwort finden kannst, ohne dazu deine Zuflucht zu nehmen.
Solange du kannst, baust du dir unter den Menschen eine Position auf, die du zu halten vermagst. Nur ein Narr glaubt sich nach einem ersten Sturz außer Gefahr. Nur ein Narr sorgt nicht für den Fall vor, daß er wieder stürzen könnte. Wenn du ein Narr bist, verlierst du. In den Tagen zwischen Anfall eins und Anfall zwei genügt es nicht, stillzusitzen, durchzuhalten, eisern zu bleiben. Du bekommst wenig Gelegenheiten genug, voranzukommen, du mußt sie ergreifen.
Wenn es wiederkommt, spürst du es. Du weißt, womit du zu rechnen hast. Du kannst einen Sprung voraus sein.
Was es nicht leichter macht.
Tatsächlich ist es meistens schlimmer.
Und es zu wissen und nicht fähig zu sein, es aufzuhalten, macht es noch schlimmer. Auch das weißt du.
Et cetera.
Und diesmal gibt es wirklich einen Grund für die Angst, und du hast wirklich Anlass, dir in die Hosen zu machen. Das ist der Wahnsinn, der nach dir greift, und wenn du so weit gekommen bist, weißt du es. Und gleichgültig, wie du dich wehrst, es vermindert sich nicht. Es ist immer da, viel größer als lebensgroß.
Inzwischen kennst du das Muster. Die langen nagenden Stunden. Die Unfähigkeit, dich auf so etwas wie einer sinnvollen Grundlage zu verständigen. Aber wenn du klug bist, hast du jetzt eine Abwehr, etwas, das man dir nicht nehmen kann. Es ist nicht viel - es ist nicht Kommunikation, ganz gewiß nicht Begreifen. Es ist nur Tee und Sympathie. Aber, bei Gott, es ist etwas wert. Du hast jemanden, mit dem du Zusammensein kannst, jemanden, der zuhört oder auch nur dein Schweigen erträgt.
Irgendjemanden.
Ohne das bist du fast mit Sicherheit verloren. Jedenfalls in einer entsetzlichen Klemme.
Es braucht nicht einmal eine wichtige Person zu sein. Es reicht, wenn du sie leiden kannst, und wenn sie dich leiden kann. Aber selbst das ist nicht erforderlich. Einfach eine Person. Ein menschliches Wesen. Du brauchst sie vielleicht sogar nie mehr wieder, nach dem ersten oder zweitenmal. Sie braucht in deinem Leben keine große Rolle zu spielen. Sie muß nur da sein, wenn du jemanden brauchst. Sie braucht es nicht einmal zu wissen.
Diesesmal, beim zweitenmal, können die fixen Ideen sich nicht mehr ganz so fest einnisten. Du hast Übung. Du bist im Training. Du hältst es aus. Es tut weh, jedesmal, wenn sie kommen, und du weißt inzwischen, daß es niemals leicht ist, aber sie werden dich nicht kriegen, nicht beim zweitenmal, vorausgesetzt, du hast dich auf sie vorbereitet. Aber du kannst trotzdem am Morgen mit dem großen Zittern erwachen und es eine Stunde oder länger nicht loswerden. Körperliche Dinge jetzt - vor allem das große Zittern. Manchmal die Sehstörungen, manchmal die Übelkeit. Vor allem das große Zittern. Du kannst zwei Gläser trinken, und deine Augen werden wild, und du bist bereit, die ganze Bar zu demolieren. Und das Schlimmste, du kannst jetzt vorausblicken und dir denken: diesmal kann ich es aushalten und früher oder später wieder auftauchen. Aber beim nächstenmal?
Und das ist brutal. Der Rückblick schützt. Der Vorausblick entwaffnet. Die beiden können sich gegenseitig aufheben, wenn du das zuläßt. Wenn das passiert, verlierst du.
Du tauchst wieder auf. Du stehst es durch, würgst es ab, wie beim letztenmal. Aber jetzt weißt du, daß es wiederkommen wird. Du weißt, daß du nicht frei davon bist. Du weißt, daß du im Krieg bist, und du weißt, daß du die Verluste auf deiner Seite nicht ewig hinnehmen kannst. Mit der Zeit wird das große Zittern dich zu Tode oder zur Verzweiflung schütteln. So oder so verlierst du.
Du mußt also die freien Tage wieder nutzen. Du mußt dich zusammennehmen und sagen: Das ist er. Der Testfall. Diesmal setzen wir alles auf eine Karte. Diesmal halten wir nicht still. Diesmal schlagen wir mit allem zu, was wir haben. Diesmal greifen wir an. Und selbst dann mußt du bedenken, daß du, wenn du verlierst, wieder auftauchen und es noch einmal machen mußt. Das ist eine Schwierigkeit. Du brauchst alles, was du hast, um anzugreifen; du darfst nicht einmal an die Möglichkeit einer Niederlage denken, aber für alle Fälle mußt du fähig sein, das Scheitern zu ertragen, umzugruppieren und erneut anzurücken. Nicht leicht. Das ist ein schmales Balancierbrett. Wenn du scheiterst und alles für den einen Angriff einsetzt und er nicht erfolgreich ist, verlierst du.
Beim drittenmal ist es bei jedem Schritt dasselbe, und du kannst es immer noch nicht aufhalten, immer noch nicht verringern.
Du kannst die Kraft dieses Treibsandes spüren, und er erschreckt dich wirklich. Du hast noch nie solche Angst gehabt. Du kannst die Unerbittlichkeit, die Massivität, das Heimtückische, du kannst das Ganze in seiner vollen Energie spüren. (Gib den Roten die Schuld, der Nachbarin, ergib dich dem Selbstmitleid und der Verzweiflung, misch die Barbiturate zusammen, steck den Kopf in den Ofen, zerbrich, verbrenn, schlag zu, zermalm, zerschlitz ...)
Et cetera.
Da stehst du dann auf dem Geländer der Brücke, wiegst den Tod in einer deiner Hände, schaust hinab in das brodelnde Wasser ...
... Und verhöhnst die verkrüppelten Finger der Dunkelheit.
Du steigst hinunter, entfernst dich und gehst heim.
(Oder du verlierst.)
Da rollst du dich dann in deinem Lieblingssessel zusammen und spielst Embryo. Da führst du in katatonischer Ekstase dein Lieblingsritual vor. Da wachst du in der Eispackung auf und füllst dich mit psychotropen Stoffen, und da verfolgen sie dich mit dem gefürchteten, entsetzlichen Etikett.
Du weist ihnen die Tür und wirfst sie die Treppe hinunter. Du stehst aus deinem Sessel auf und sagst nein. Kein Biegen. Kein Brechen. Der Abgrund ist nur unter deinen Zehen. Deine Fersen stehen auf festem Gestein. Du brauchst nicht zu stürzen, auch wenn du hineinschaust.
Vielleicht hilft es, von da an die Schuld ein wenig zu verteilen. Aber du mußt sie an den richtigen Stellen verteilen. Gib der Überarbeitung die Schuld. Dem Streß. Den traumatischen Erlebnissen in deiner Kindheit, wenn du davon etwas hältst. Aber schieb die Schuld nur auf Dinge, die ungreifbar sind. Gib vor allem nur den Dingen die Schuld, denen du sie geben kannst. Was am meisten hilft, sind die Menschen. Was dich am Ende aus dem Sumpf zieht, sind die Menschen. Sie brauchen keine Ärzte oder Samariter oder Verwandten zu sein. Sie können Buschauffeure und Verkäufer und Sekretärinnen und Prostituierte sein. Aber nicht in ihrer beruflichen Eigenschaft. Nur als Menschen. Als Menschen handelnd. Einer kann genügen. Zwei sind besser. Eine ganze Menschenmenge kann wunderbar sein.
Manches muß zu deinen Gunsten ausschlagen. Das meiste läuft gegen dich, aber jeder, der behauptet, daß das für alles gilt, ist ein Lügner und ein Verlierer. Manches schlägt zu deinen Gunsten aus. Es muß nichts Großes sein, aber du mußt es gebrauchen. Du mußt dir auch selbst Vorteile schaffen. Es gibt keine glücklichen Zufälle. Das Glück ist manipulierbar. Von dir.
Du spielst die Karten, wie sie ausgeteilt werden. Aber bei jedem Pokerspiel gibt es eine Karte, die du verdeckt spielst, und diese Karte mußt du als blinde Karte spielen, obwohl du weißt, was es für eine ist. Das ist nicht leicht. Es ist Poker. Aber man kann es schaffen. Ein guter Pokerspieler gewinnt. Nicht jedesmal, aber er schluckt seine Verluste. Auf die Dauer gewinnt ein guter Pokerspieler.
Gib nie, niemals den Karten die Schuld, die ausgeteilt werden.
Wenn du das tust, verlierst du.
Inzwischen hättest du gewinnen müssen. Wie fühlt man sich, wenn man ein Held ist? Unbesungen, versteht sich.
Es gibt aber etwas, das von der ganzen Sache zu erben du nicht verhindern kannst, und das ist eine tiefe und ständige Angst. Keine sich duckende, feige Angst, sondern eine weniger-als-angenehme Gewissheit, daß du immer wieder abrutschen könntest, daß es dich jederzeit wieder erwischen kann, daß du nicht ein für allemal gewonnen hast, daß du immer weiter gewinnen mußt. Jetzt und in alle Ewigkeit.
Es wird mit jedem mal schwerer.
Du mußt dir eine gute Arbeitsordnung suchen und dich regelmäßig einer Inspektion unterziehen und dich mit einem gewissen Maß an Vorsicht und guten Manieren behandeln. Du mußt bedenken, daß dich irgendetwas irgendwo zerbrochen sehen will, und daß es gleich hinter dir steht, wo du auch sein magst. Du mußt es bloßstellen und kennen und eine Grundlage für Verhandlungen damit schaffen. Du mußt das tun, während du geistig gesund bist, denn während es unten in der Grube mit dir ringt, hast du keine Gelegenheit dazu.
Es sind geistig gesunde Leute, die Seelenpfuscher brauchen.
Es gibt keine Heilung, nur Koexistenz.
Mut und gesunder Menschenverstand können dich nur trotz allem aufrecht halten.
Von Gewinnen kann eigentlich gar keine Rede sein. Aber es ist der einzige Gewinn, den es in diesem Spiel gibt.


(aus "Selbstmord im All" von Brian M. Stableford)

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